Über den Bunker

Der Bunker in der Saßstraße/Carlebachstraße gehört zu einer Serie von etwa 80 Hochbunkern, die ab Herbst 1940 nach reichsweit gültigen Bauvorschriften geplant und gebaut wurden. Die Bunker waren so konstruiert, dass sie einem direkten Bombentreffer widerstehen konnten, ohne dass die Menschen im Inneren zu Schaden gekommen wären. Erreicht wurde dies mit Außenwänden aus Stahlbeton in einer Dicke von 110 cm und einer oberen, bombensicheren Abschlussdecke mit einer Dicke von 140 cm. Trotz der einheitlichen Konstruktionsvorgaben wurden die meisten Hochbunker individuell geplant und an die Baugrundstücke angepasst. Der Hochbunker in der Carlebachstraße/Saßstraße gehört zu einer Serie nach einem Typplan erstellter Bunker. Sehr ähnliche Bauwerke stehen an der Holstenstraße 14 a, der Holstenstraße 75 a oder der Friedensallee.

Verbaut wurden beim Bunker Saßstraße insgesamt 3.230 m³ Stahlbeton, 457 m³ unbewehrter Beton, 285 Tonnen Eisen und Stahl, 1.475 m³ Zement und 4.424 m³ Kies und Split. Die Baukosten betrugen bis zum Kriegsende 535.598,46 Reichsmark.

Der Bau umfasst sieben oberirdische Geschosse und ein nicht genutztes Untergeschoss mit etwa halber Geschosshöhe. Der Bunker ist über zwei Eingänge zugänglich, die über abgewinkelte Vorräume als Splitterfang und Gasschleusen in das Erdgeschoss führen. Im Erdgeschoss befanden sich vor allem der Maschinenraum der Lüftungsanlage, die den gesamten Bunker versorgte, ferner ein Sanitätsraum und der Raum für den Bunkerwart. Die sechs oberen Etagen werden über zwei Treppenhäuser erreicht. In den oberen Etagen waren jeweils etwa 20 kleine Kammern für die Schutzsuchenden angeordnet, dazu mittig ein größerer Gemeinschaftsraum und Sanitäranlagen. Die Kammern waren mit leichten Trennwänden aus Holz abgeteilt und waren in der Regel mit jeweils zwei dreistöckigen Betten und einer Sitzbank ausgestattet.

Nach den vorliegenden Unterlagen war der Bunker mit 715 Liegen und 158 Sitzplätzen ausgerüstet, also für 873 Personen ausgelegt. Tatsächlich werden bei den Angriffen etwa 2- bis 3-mal so viele Menschen in ihm Schutz gefunden haben, also mehr als 2.000 Personen.

Der Bunker Carlebachstraße/Saßstraße erhielt, wie viele andere Bunker, einen rötlich-braunen Anstrich mit dunklen Rechtecken, der einer Ziegelfassade mit Fensteröffnungen nachempfunden war. Reste dieses Tarnanstrichs sind an den Außenwänden heute noch gut erkennbar.

Der Bau des Hochbunkers wurde am 27.11.1940 in Auftrag gegeben. Am 17.12.1940 war der Baubeginn und am 09.10.1941 war die obere Abschlussdecke fertig. Am 02.12.1941 wurde der Bunker vorläufig für die Nutzung durch höchstens 250 Personen zugelassen. Die endgültige Nutzungsfreigabe erfolgte am 17.07.1942. Bei den verheerenden Luftangriffen der „Operation Gomorrha“ im Sommer 1943, die auch weite Teile Altonas völlig zerstörten, bot der Bunker also bereits den Anwohnern Schutz.

Die Bunkeranlagen in Hamburg wurden in der Regel von örtlichen Bauunternehmen errichtet, bei dem Bunker Carlebachstraße/Saßstraße war dies die Firma Ferd. Helbing aus Wandsbek. Vielfach wurden auf den Baustellen auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt. Da die Bauunterlagen zu diesem Bunker größtenteils nicht mehr vorhanden sind, kann in diesem Fall der Einsatz von Zwangsarbeitern beim Bau weder bestätigt, noch ausgeschlossen werden.

Nach dem Krieg waren die Hochbunker vielfach die einzigen noch intakten Gebäude in den völlig zerstörten Stadtgebieten. Sie wurden deshalb in den ersten Nachkriegsjahren oft als Notunterkünfte für Obdachlose und Flüchtlinge genutzt, so auch der Bunker in der Carlebachstraße. Für den Oktober 1945 ist eine Belegung mit 283 Personen nachgewiesen. Noch bis Ende der 1950er Jahre wurde der Bunker als Wohnunterkunft für Familien genutzt und von der Sozialbehörde betreut.

Bereits in den späten 1950er Jahren wurden erste Überlegungen für eine Reaktivierung einzelner Bunker für den Zivilschutz angestellt. Auch der Bunker Carlebachstraße war 1959 für ein Vorabprogramm zur Modernisierung von Weltkriegsbunkern vorgesehen. Bis Mitte 1960 musste der Bunker von den Nutzern geräumt werden. Doch zu einer Instandsetzung und Ertüchtigung zum ABC-Schutzraum kam es nie. Erst im April 1992 wurde endgültig auf die Wiederherstellung verzichtet und der Bunker aus der Zivilschutzbindung entlassen.

Der Bunker selbst war in all den Jahren praktisch ungenutzt und sich selbst überlassen. Für die Nutzung als Notunterkunft in der Nachkriegszeit hatte man die Einbauten aus der Kriegszeit, wie Lüftungsanlage, Sanitärräume, Trennwände im Bunker belassen und weiter genutzt. Nach dem Auszug der Nutzer verblieben diese Anlagen im Bunker und sind dort noch heute größtenteils unverändert erhalten. Vermutlich Ende der 80er Jahre wurden die Eingänge zugemauert. So präsentiert sich das Innere des Bunkers heute im Wesentlichen noch immer im Zustand der späten 1950er Jahre. Vor allem der Zustand im Inneren des Baues, aber auch die schwierige Zugänglichkeit aufgrund der rückwärtigen Lage und die fehlenden Anschlüsse an das Strom-, Wasser- und Abwassernetz verhinderten bis heute jede Nutzung des Bunkers.

Der Verein Hamburger Unterwelten e.V. hatte 2008 die Möglichkeit, den Bunker kurzzeitig zu öffnen und für eine Kurzdokumentation zu begehen. Einen Bericht dazu finden Sie hier: http://www.hamburgerunterwelten.de/Hamburg-Bunker-Carlebachstrasse.html

Hamburger Unterwelten e.V., Michael Berndt

(Zahlreiche Angaben und Informationen stammen aus dem Archiv des Hamburger Unterwelten e.V. und dem Archiv Klaus Pinker)

Fotos: Hamburger Unterwelten e.V., Michael Berndt